Chronische Rückenschmerzen – 5 Phasen und die Chance meines Lebens

Dass ich einen Bandscheibenvorfall erlitten habe und in Folge dessen an chronischen Rückenschmerzen erkrankt bin, hat nachhaltig mein Leben verändert. Ich habe nicht nur schreckliche Zeiten durchgestanden, sondern auch eine echte Chance bekommen, mein Leben umzustrukturieren. Neue Wege einzuschlagen und alten Ballast loszulassen. Das Leben ist dadurch nicht auf wundersame Weise einfach geworden, aber ich führe heute ein Leben, dass viel besser zu mir passt, als mein Leben vor den Schmerzen im Rücken.

Wenn ich so auf meine Zeit mit den chronischen Rückenschmerzen zurückblicke, erkenne ich den Prozess, den ich durchgemacht hab. Ich sehe die einzelnen Phasen vor mir und ihre Verbindung untereinander. Es war eine schmerzvolle, aber auch heilsame Zeit und heute möchte ich über diesen Heilungsprozess berichten. Vielleicht hilft dir mein Beitrag ja in irgendeiner Form, an welcher Stelle des Prozesses du auch immer gerade stehen magst.

Phase 1 – Der Vorfall

Tja…der Bandscheibenvorfall – damit fing alles an. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wie oder wann die Schmerzen zum ersten Mal auftraten. Wie ich bereits schon mindestens einmal irgendwo geschrieben habe, kommt es mir heute rückblickend so vor, als hätten sie sich klammheimlich in mein Leben geschlichen. Zunächst hab ich ihnen keine große Bedeutung beigemessen, es waren anfangs eben nur Rückenschmerzen – kennt man ja…geht auch wieder weg.

Naja, da hab ich mich wohl gründlich geirrt! Die Schmerzen im Rücken sind nämlich nicht mehr weggegangen und so stand ich irgendwann beim Arzt, der zum ersten Mal das Wort „Bandscheibenvorfall“ im Zusammenhang mit meinen Schmerzen erwähnte. Und trotz dieser Diagnose war die erste Phase geprägt von Unbedarftheit oder sogar Ignoranz. Ich konnte oder wollte das Ausmaß dieser Erkenntnis und der Schmerzen nicht komplett erfassen, sondern glaubte immer noch daran, dass alles bestimmt bald vorbei sein würde. Nach wie vor, waren es für mich nur Rückenschmerzen, für die es eine wirksame Therapie gibt. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nichts von bio-psycho-sozialen Zusammenhängen, chronischen Rückenschmerzen oder gar dem Horror, der mir noch bevorstehen würde.

Phase 2 – Die Suche

Die zweite Phase des Prozesses war geprägt vom Suchen. Ich konsultierte verschiedene Ärzte, lies mir Physiotherapie, Rehabilitationssport, verschiedene Medikamente, Massagen und vieles mehr aufschreiben. Ich testete viele Therapien und zerbrach mir den Kopf über verschiedene Ursachen. Ich las, dass meine Schmerzen vom falschen Gehen, von ungleich langen Beinen, von verspannten Muskeln, von zu langem Sitzen, falschem Liegen, der falschen Matratze, zu wenig Bewegung, der falschen Bewegung, körperlicher Überbelastung, Stress im Job, der falschen Ernährung, Nährstoffmangel oder einfach durch eine genetische Vorbelastung entstanden sein könnten. Ich kaufte mir einen Gymnastikball zum Sitzen, bekam einen beweglichen Hocker für die Arbeit im Büro, legte mir Massagebälle und eine Faszien-Rolle zu, versuchte mich an verschiedenen Dehnübungen, diagnostizierte mir selbst eine ungesunde Haltung und übte für eine bessere, kaufte Schuhe mit dicker gepolsterter Sohle, nur um dann zu lesen, dass barfuß eh am Besten ist. Stellte dann fest, dass Barfußlaufen weh tut und kaum zu verwirklichen ist, da überall Müll, Steine und Scherben liegen, lief also fortan nicht mehr barfuß, kaufte mir stattdessen Barfußschuhe und überlegte sogar, mir selbst welche zu bauen. Ich begann zu schwimmen (gut für den Rücken!) und gab es nach kurzer Zeit wieder auf (zu umständlich…). Ich begann zu joggen (schrecklich) und zu walken (okay), gab das Mountainbiken auf und ging stattdessen Spazieren. Ich verstaute meine Hüfthosen, weil angeblich der Druck des Gürtels auch Rückenschmerzen auslösen kann und besorgte mir Hosen die bis zur Taille gehen. Ich versuchte es mit verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln und testete verschiedene Kissenformen. Wir kauften sogar ein neues Bett. Ich versuchte verzweifelt, irgendeinen Punkt zu finden, an dem ich ansetzen konnte. Ich war wie besessen von der Vorstellung, dass ich nur die richtige Therapie finden muss, um meine Rückenschmerzen loszuwerden. Heute ist von all den Hilfsmitteln nichts geblieben: Ganz ohne Kissen schlafe ich am Besten, ich zwinge mich nicht zu irgendeinem Sport, der mir keinen Spaß macht, ich mache keine besonderen Übungen, ich trage Kleidung, die mir gefällt und sitze auf normalen Stühlen. Natürlich haben sich auch viele Dinge verändert, aber dazu schreibe ich am Schluss noch mehr…

Phase 3 – Die Depression

Da die Rückenschmerzen mit der Zeit immer schlimmer, häufiger auftraten und sich über meinen gesamten Körper ausbreiteten, entwickelte ich eine tiefe Verzweiflung und das Gefühl von Aussichtslosigkeit wurde mein ständiger Begleiter. Bei all den Dingen, die ich ausprobiert hatte, war nichts dabei, das mir geholfen hat! Nichts! Irgendwann verlor ich den Mut und tat von da an gar nichts mehr für meine Rücken….alle Versuche wurden auf Eis gelegt. Ich lebte mit den ständigen Schmerzen, die mich im Alltag massiv einschränkten, und fand keinen Ausweg aus meiner Situation. Mein gesamtes Leben erschien mir unsinnig und grau, ich funktionierte nur noch und mein einziger Halt waren meine Tiere. Die Verantwortung ihnen gegenüber hat mich jeden Tag aus dem Haus gejagt und das war gut so. Frische Luft, meine Tiere Sonne und Bewegung haben meine depressive Phase zumindest stundenweise erhellt. Doch in den Zeiten zuhause oder bei der Arbeit hatte ich keinen Grund mehr zu Lächeln, ich sah keinerlei Sinn mehr in meinem Leben. Was ist das schon für ein Leben, das von Schmerzen bestimmt wird? Glücklicherweise hatte ich nie eine schwere, klinische Depression oder Suizidgedanken. Es war eher eine depressive Phase und ging auch irgendwann wieder vorbei, aber nichtsdestotrotz habe ich einige Monate meines Lebens ernsthaft gezweifelt und mich gefragt, wofür dieses Leben die Strafe sein könnte.

Phase 4 – Die Erkenntnis

Während dieser schweren Zeit mit den täglichen Schmerzen, den massiven körperlichen Einschränkungen und meiner Verzweiflung habe ich irgendwann verstanden, dass ich mein Glück nicht im Außen finden kann. Ich erkannte, dass ich nicht gegen meine Rückenschmerzen ankämpfen muss, sondern viel mehr lernen sollte, trotz der Schmerzen ein glückliches und erfülltes Leben zu führen! Ich gewöhnte mich auf eine gute Art und Weise daran, dass ich anscheinend jemand bin, der mit Rückenschmerzen leben muss. Ich begann, mein Leben und meinen Körper so anzunehmen, wie er war. Ich konnte ja offensichtlich sowieso nichts daran ändern! Also warum den Kopf zerbrechen? Mein Vater sagt gerne: „Kannst du etwas verändern? Dann mach´es. Kannst du nichts verändern? Dann lass es.“ und meint damit, dass es keinen Sinn macht, sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die man eh nicht beeinflussen kann. Und ich finde, damit hat er vollkommen recht. Was bringt es mir, mein Leben lang unglücklich mit Rückenschmerzen zu sein, wenn ich auch glücklich trotz Rückenschmerzen sein kann?! Diese Erkenntnis konnte rückblickend wohl auch nur entstehen, weil ich vorher völlig am Boden war. Ich habe keinen Ausweg mehr gesehen, außer meinen Zustand zu akzeptieren. Und das war der Moment, an dem meine Heilung begann! Ich lernte immer mehr, auf meinen Körper und meine Bedürfnisse zu hören. Ich krempelte mein Leben auf links, kündigte meinen verhassten Job, trennte mich von Menschen, die mir nicht gut taten und lernte, mein Leben besser zu organisieren. Kurz gesagt: Ich richtete mein Leben nach mir aus und nicht nach anderen oder äußeren Einflüssen.

Phase 5 – Heute

Heute bin ich glücklich mit meinen Leben (meistens ;)) und habe keine chronischen Rückenschmerzen mehr. So unmöglich mir dieser Zustand damals in Phase 3 noch vorkam, so einfach ist er in mein Leben gekommen. Meinen Zustand völlig anzunehmen und nicht gegen meine Körper zu kämpfen, sondern mit ihm zu arbeiten, hat mir nicht nur ein entspannteres Leben beschert, sondern ganz nebenbei auch noch meine chronischen Rückenschmerzen eliminiert. Selbstliebe und -akzeptanz sowie Selbstfürsorge sind das A und O für mein schmerzfreies Leben. Ich versuche nicht mehr, die Schuldfrage zu klären und kämpfe nicht mehr gegen Dinge, die ich nicht ändern kann, sondern mache sie mir zum Verbündeten. Ich arbeite nicht mehr gegen meinen Rücken, sondern sorge gut für ihn. Ich versuche, ein Leben in Balance zu führen und immer wieder auch Bewegung und Entspannung zu integrieren. Aber nicht auf eine anstrengende Art und Weise sondern ganz entspannt und mit dem guten Gefühl, etwas FÜR mich zu tun und nicht GEGEN meine Rückenschmerzen. Ich versuche mich möglichst gesund zu ernähren, weil ich weiß, dass es meiner Gesundheit gut tut und nicht, weil ich damit irgendeinen vermeintlichen Mangel ausgleichen will. Ich verordne mir selbst viel Schlaf, weil ich weiß, dass ich den Anforderungen des Lebens souveräner begegne, wenn ich ausgeschlafen bin. Ich ändere meine Gewohnheiten (weniger Auto, mehr Rad), weil mir die Bewegung, die frische Luft und der Wind in meinen Haaren mir ein gutes Gefühl verschaffen und nicht, weil ich „Sport machen muss“.

Selbstverständlich ist heute vieles nicht mehr so, wie früher, aber das ist auch gut so. Die chronischen Rückenschmerzen waren rückblickend die Chance meines Lebens!

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