Chronische Rückenschmerzen Therapie im Krankenhaus

Bei meiner Arbeit als Sozialpädagogin in einem Akut-Krankenhaus treffe ich fast täglich Menschen mit bereits sehr lange bestehenden Rückenschmerzen. Die Ärzte der Wirbelsäulen-Station des Krankenhauses versorgen und operieren Patienten mit den unterschiedlichsten Diagnosen, für die ich dann die Versorgung im Anschluss an die Entlassung organisiere. Das bedeutet, ich treffe die Patienten und Patientinnen meistens einmal vor und dann auch noch mindestens einmal nach einer Operation bzw. Behandlung. In den Gesprächen geht es immer um die häusliche Versorgung mit Hilfsmitteln und/oder die Einleitung einer Anschlussheilbehandlung. Die Individualität der Patienten und Patientinnen sowie deren Lebensgestaltung werden dabei von einer Sache vereint: Fast alle Menschen mit immer wiederkehrenden oder langanhaltenden Schmerzen, die ich während des Krankenhausaufenthalts begleite, leiden sehr unter den Schmerzen im Rücken und den Folgen, die sich daraus ergeben.

Medizinische Verfahren und Soziale Arbeit

Es gibt verschiedene medizinische Verfahren, um Probleme im Rücken zu behandeln. Je nachdem, welche Ursache vorliegt, werden beispielsweise Kyphoplastien (zur Behandlung von Wirbelbrüchen) oder Spondylodesen (Versteifung mehrerer Wirbel der Wirbelsäule) eingesetzt. Diese operativen Verfahren sind natürlich Sache der Fachärzte, über die ich nur ganz grob Bescheid weiß. Was die Patienten jedoch über die verschiedenen medizinischen Therapien hinweg vereint, sind fast immer soziale und psychische Folgen der langanhaltenden Rückenschmerzen. Und genau dort setzt meine Arbeit als Mitarbeiterin im Sozialdienst an. Die umfassende Versorgung von Menschen mit andauernden Rückenschmerzen umfasst im Idealfall verschiedene Professionen: Neben den Ärzten und Schwestern im Krankenhaus, spielen auch die Physiotherapeuten, Psychologen und Sozialarbeiter eine große Rolle. Denn nach der Krankenhausbehandlung ist die Angelegenheit oft noch nicht beendet: Zum Einen muss der Alltag nach der Entlassung auch mit den vorübergehenden körperlichen Einschränkungen aufgrund der Operation organisiert werden und zum Anderen bestehen häufig viele Fragen zum Thema Schwerbehinderung, Arbeitsunfähigkeit, Rehabilitationsmaßnahmen, Hilfsmittel und so weiter. Mit diesen Themenbereichen wissen die Fachärztinnen, Physiotherapeuten und Psychologen häufig nichts anzufangen. Und genau aus diesem Grund ist es unglaublich wichtig, auch Professionen wie die Soziale Arbeit in den Heilungsprozess eines Patienten einzubinden. Nur mit professionsübergreifender Arbeit kann die Versorgung optimal sichergestellt werden.

Chronifizierung von Rückenschmerzen

Wenn du diesen Beitrag von mir gelesen hast, weißt du, dass ein Merkmal von chronischen Rückenschmerzen eine lange Odyssee an verschiedenen Therapieversuchen ohne nennenswerten Erfolg sein kann. Ob die Menschen, mit denen ich im Krankenhaus zu tun habe, auch wirklich an chronischen Rückenschmerzen per Definition leiden, kann ich aufgrund der begrenzten Zeit kaum herausfinden. Das liegt auch nicht im Bereich meiner Zuständigkeit als Sozialdienstmitarbeiterin. Zu wenig Patienten sehe ich mehrmals bei uns im Krankenhaus, als dass ich anhand dessen eine mögliche Chronifizierung ableiten könnte. Aber was mich trotzdem immer wieder aufhorchen lässt, ist die Tatsache, dass beinahe alle Patienten und Patientinnen mir von unzählig vielen Therapieversuchen berichten. Sie alle haben ein schweres Päckchen mit sich herum getragen und klammern sich an jede neue Behandlungsoption, die sich auftut. Sie wechseln die Fachärzte, holen sich Zweitmeinungen ein und tüfteln jahre- oder jahrzehntelang an ihrer Genesung. Diese lange Zeit mit Aufs und Abs kann sehr zermürbend sein. Häufig habe ich Menschen vor mir, die bei den unverfänglichsten Fragen in Tränen ausbrechen und mir ihr Herz ausschütten. Sie weinen bitterlich und ich sehe ihre unfassbare Verzweiflung.

„Ich hab mich immer um alles gekümmert und jetzt lieg´ ich hier…“

Das ist, glaube ich, der häufigste Satz, den ich von Rückenschmerzenpatienten und -patientinnen höre. Fast alle Menschen, die ich auf der Wirbelsäulenstation berate, sagen früher oder später diesen Satz. Sie alle erzählen mir davon, dass sie sich jahrelang aufgeopfert haben und immer für andere da waren. Sie haben viel gearbeitet und können sich nicht erklären, wie es sein kann, dass sie jetzt auf einmal nichts mehr können und auf Hilfe angewiesen sind. Diese Menschen haben offensichtlich jahre- oder jahrzehntelang ihre eigenen Bedürfnisse hinten angestellt, um ihren Kindern oder anderen Angehörigen beizustehen.

An dieser Stelle möchte ich von einer Patientin erzählen, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Sie ist 61 Jahre alt und Vollzeit berufstätig, leidet seit mehreren Monaten an immer wiederkehrenden körperlichen Problemen, die sich auch sehr auf ihre psychische Verfassung auswirken. Zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns kennen lernen, liegt sie mit Rückenproblemen im Krankenhaus und soll operiert werden. Sie berichtet mir bereits im ersten Kontakt unter Tränen, dass sie Angst um ihren Arbeitsplatz hat, da sie bereits so lange krank geschrieben ist und ihre Chefin ihr bereits nahegelegt hat, eine vorzeitige Rente zu beantragen. Sie wisse gar nicht, wie es dann mit ihr weitergehen solle. Sie brauche das Geld, da sie alleine lebt und nicht auf die Unterstützung von Angehörigen hoffen kann. Ich kann nicht viel für sie tun, außer zuhören und bespreche anschließend mit ihr das weitere Vorgehen. Als wir uns nach der Operation wiedertreffen, hat sich ihre psychische Situation deutlich verschlechtert. In unserem zweiten Gespräch vergeht kaum eine Minute ohne dass sie ihr Gesicht in den Händen verbirgt und bitterlich weint. Sie berichtet, dass sie bereits jung Mutter geworden war, ihr damaliger Ehemann sie misshandelt hat und sie schlussendlich mit zwei kleinen Kindern alleine da stand. Dann habe sie eine Ausbildung nachgeholt und einen Job gefunden, mit dem sie sich und die Kinder über Wasser halten konnte. Ihren kranken Vater hat sie jahrelang mit versorgt und schlussendlich gepflegt. Da aktuell nur noch ihre Mutter lebt und die beiden Kinder keine Unterstützung bieten können, fühlt sie sich völlig hilflos und alleine gelassen. Mehrfach betont sie, dass sie sich so weinerlich gar nicht kenne und eigentlich immer stark gewesen sei. Sie habe immer alles für ihre Kinder und Eltern getan und sei durch die lange andauernde Erkrankung mittlerweile völlig am Ende.

Dass ich immer wieder solche und ähnliche Geschichten von Menschen mit chronischen oder immer wiederkehrenden Rückenschmerzen höre, zeigt mir, dass diese Erkrankung offensichtlich eine viel tiefere Verankerung in der Psyche der Patientinnen und Patienten hat, als sie selber vermuten würden. Die persönlichen Bedürfnisse nach Ruhe, Erholung, Sicherheit und so weiter für einen so langen Zeitraum massiv zu übergehen, kann in meinen Augen nur zwangsläufig in eine Krise führen. Und in vielen Fällen scheint sich das als chronische Rückenschmerzen zu manifestieren.

Auch wenn ich es nicht mit Gewissheit sagen kann, bin ich der Überzeugung, dass eigentlich fast all diese Menschen einer umfassenderen Begleitung bedürfen. Damit meine ich nicht, dass die medizinischen Verfahren nicht erfolgreich oder sinnvoll sind. Was ich meine ist, dass die Rückenschmerzen-Patienten, die ich bei meiner Arbeit sehe, eine viel bessere Chance auf eine nachhaltige Verbesserung oder Heilung hätten, würde man auch die vielen anderen Einflussfaktoren betrachten und nicht nur die rein körperlichen Ursachen. Sie bräuchten eine umfassende Begleitung in vielen psychosozialen Belangen, die der Komplexität von chronischen Rückenschmerzen und dessen Auslösern gerecht wird.

Chronische Rückenschmerzen sind nicht einfach Schmerzen im Rücken…

…sie sind viel mehr!
Sie sind eingebettet in komplexe soziale Strukturen, werden von ihnen möglicherweise ausgelöst oder verstärkt. Auch psychische Faktoren spielen eine wichtige Rolle und können ebenso als Verstärker oder Auslöser von chronischen Rückenschmerzen fungieren. Chronische Rückenschmerzen sind nicht einfach mit einer Operation oder anderen Behandlung abzutun. Sie müssen umfassend betrachtet werden, damit die Patientinnen und Patienten individuell und nachhaltig behandelt werden können. In diesem Zusammenhang wünsche ich mir, dass mehr Menschen mit chronischen Rückenschmerzen den Mut finden, sich auch in andere Richtungen umzusehen und sich nicht nur auf die Medizin zu verlassen. Ich wünsche mir, dass die sozialen und psychischen Einflussfaktoren gesehen und ernst genommen werden, denn in ihnen steckt ein unfassbares Heilungspotenzial. Wer sich traut, über den Tellerrand zu schauen, wird bemerken, dass er oder sie an der eigenen Situation viel ändern und die chronischen Rückenschmerzen damit verbessern oder sogar komplett loswerden kann.

In der Kürze der Zeit, die ich für meine Patienten und Patientinnen oft nur habe, versuche ich auch immer wieder genau das zu vermitteln: Du selbst kannst so viel tun! Sei gut zu dir, kümmere dich um dich selbst und lass Hilfe zu.

Selbstfürsorge, ein stabiles soziales Netz und Verantwortung für die eigene Gesundheit sind eine so wichtige Basis für die Verbesserung und Heilung von chronischen Rückenschmerzen, dass ich niemals müde werde, mich zu wiederholen 😉

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