Alles nur Einstellungssache? Ein Gedankenexperiment

Vor kurzem habe ich einen Artikel zum Thema Ablenkungsstrategien bei chronischen Rückenschmerzen geschrieben. Im Nachhinein habe ich mir noch ein paar Gedanken dazu gemacht und dabei kam die Frage auf, ob chronische Rückenschmerzen vielleicht einfach nur eine Einstellungssache sind. Um es mal krasser auszudrücken: Sind meine Rückenschmerzen eigentlich nur Einbildung? Stell ich mich einfach nur zu sehr an? Und wenn es tatsächlich so wäre, was würde das bedeuten?

Wie ich in dem oben genanten Beitrag beschrieben habe, hat das menschliche Gehirn die Möglichkeit, Schmerzen vorübergehend auszuschalten um beispielsweise eine Flucht zu ermöglichen und somit das Überleben zu sichern. Da wir uns diesen Mechanismus auch außerhalb von Gefahrensituationen zunutze machen können, um besser mit chronischen Schmerzen umzugehen, könnte man tatsächlich zu der Annahme gelangen, dass die Schmerzen nur reine Einbildung sind. Andererseits sind Schmerzen im Gehirn auch messbar, was die Theorie der Einbildung natürlich widerlegen würde. Aber ich möchte mich gar nicht so sehr an der Frage aufhalten, ob chronische Schmerzen nun eingebildet sein können oder nicht. Jeder Mensch, der schon einmal unter chronischen Schmerzen gelitten hat oder immer noch leidet, hat das Recht, ernst genommen zu werden und sollte niemals als Simulant dargestellt werden. Dennoch finde ich es interessant, sich näher mit der Frage nach der Einstellungssache zu beschäftigen, weil ich glaube, dass sie für alle Betroffenen einen Mehrwert bieten kann.

Ich lade dich also hiermit zu einem kleinen Gedankenexperiment ein

Stell dir vor, deine chronischen Rückenschmerzen wären tatsächlich nur eine Einstellungssache.

  • Was würde das für dich bedeuten?
  • Wie würdest du mit den Schmerzen umgehen?
  • Wie sähen deine Bewältigungsstrategien aus?
  • Wie würde das die Akzeptanz in deinem Umfeld verändern?
  • Was wäre gut und was wäre schlecht?
  • Welches Fazit kannst du aus diesem Gedankenexperiment ziehen?

Ich stelle mir also vor, dass meine chronischen Rückenschmerzen nur eine Einstellungssache sind und dass ich mit der richtigen Einstellung schmerzfrei werden kann. Das klingt erst einmal machbar und weniger schlimm als Schmerzen, die irgendeinen medizinischen Grund haben könnten. Es fühlt sich mehr danach an, als hätte ich selbst die Kontrolle über die Situation. Irgendwie scheint es mir leichter, meine Einstellung zu ändern, als irgendein körperliches Problem zu bekämpfen. Möglicherweise hängt das auch mit dem Bild zusammen, dass die Gesellschaft sich von Ärzten und Ärztinnen erschaffen hat. Dieses Klischee der Götter in Weiß hat natürlich auch eine einschüchternde Komponente und bewirkt vielleicht in meinem Unterbewusstsein, dass ich mich selbst nicht in der Lage fühle, ein körperliches Problem zu beheben. Mir vorzustellen, meine chronischen Rückenschmerzen könnte ich mit der richtigen Einstellung besiegen, erscheint viel einfacher und durchaus möglich. Was würde das also für mich bedeuten? Ich würde mich weniger ausgeliefert fühlen. Und hätte eher das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können.

Und wie würde ich mit dem Schmerzen umgehen? Ich denke, mein Umgang mit den chronischen Rückenschmerzen wäre leichter und weniger verbissen gewesen. Ich wüsste, dass mir mein Gehirn einfach nur einen Streich spielt und ich könnte die Situation mit mehr Abstand betrachten. Mir würde es leichter fallen, eine Lösung zu finden, weil ich mich selbst etwas distanzierter betrachten könnte. Ich könnte vielleicht sogar ein Bisschen schmunzeln über meine Situation. Wenn ich es mir genau überlege, hätte ich viel mehr Mitgefühl mit mir selbst. Seltsamerweise.

Meine Bewältigungsstrategien wären auch andere, denn ich würde die Ursachen und Lösungen viel mehr in der Verbindung zwischen äußeren Einflüssen, Stress, Belastungen, meinen Gedanken, Gefühle und schlussendlich meinen körperlichen Reaktionen darauf sehen. Ich käme weg von der Vorstellung eines „defekten“ Körperteils und viel mehr hin zu der Idee, dass die Schmerzen aus einem verwobenen Netz an psychischen, sozialen und körperlichen Einflussfaktoren entstehen. Wenn ich es mir so überlege, wäre meine Bewältigungsstrategie wohl, mich immer wieder selbst zu beruhigen. Herauszufinden, warum mich Situationen stressen und wie ich Belastungen von mir fernhalten kann, um keine chronischen Schmerzen aufkommen zu lassen. Ich würde meine Einstellung zu mir selbst und dem Leben überdenken, um mich viel mehr an meinen persönlichen Bedürfnissen zu orientieren.

Würde ich die Idee, dass chronische Rückenschmerzen nur Einstellungssache sind, jedoch in die Welt hinaustragen, wäre das wohl nicht gerade zielführend. Der soziale Druck würde insbesondere hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeit betroffener Menschen immens steigen und so die gesamte Problematik verfestigen. Vielleicht würden Betroffenen vermehrt als Simulanten abgestempelt und weniger ernst genommen werden. Es gäbe also neben den positiven Anregungen, die sich für mich persönlich ergeben, auch negative Seiten. Denn Menschen, die nicht selbst betroffen sind, könnten diese Idee missverstehen, was wiederum Nachteile für die Betroffenen bedeuten würde. Denn selbst wenn es so wäre, dass chronische Rückenschmerzen eine reine Einstellungssache wären, dann würde das trotzdem nicht bedeuten, dass sich Betroffene nur anstellen oder dass der Weg zur Schmerzfreiheit ein leichter wäre. Dies zu implizieren, fördert jedoch Ängste und die soziale Isolation betroffener Menschen.

Mein persönliches Fazit

Dieses Gedankenexperiment hat mir wieder gezeigt, dass es ungemein hilfreich ist, sich mit den eigenen Schmerzen intensiv auseinanderzusetzen. Neue Ideen und Sichtweisen tun sich auf und ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass meine Einstellung zu den chronischen Rückenschmerzen durchaus einen Einfluss haben kann. Es ist bestimmt keine reine Einstellungssache, dazu ist die Thematik viel zu komplex, aber in gewissen Bereichen, kann ich mir selbst mit der richtigen Einstellung eine große seelische Entlastung bescheren.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal klarstellen, dass ich nicht davon ausgehe, dass chronische Rückenschmerzen nur Einbildung sind. Aber die Vorstellung, dass die eigene Einstellung zu den Schmerzen eine große Veränderung bewirken könnte, eröffnet neue Wege, mit den chronischen Rückenschmerzen umzugehen.

Unsere Psyche hat einen großen Anteil am Schmerzgeschehen und es steht fest, dass wir unsere Situation durch gezielte Einflussnahme verbessern können. Warum also dann nicht nur die körperliche sondern auch die geistige Flexibilität fördern und öfter mal außerhalb der bekannten Strukturen denken?

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