Wie werden Rückenschmerzen chronisch?

Hier erfährst du, was chronische Rückenschmerzen sind, wodurch sie entstehen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Hexenschuss, falsch gehoben oder über Nacht komisch gelegen. Jeder hat irgendwann mal Rückenschmerzen und oft gehen sie schnell wieder vorbei. Doch manch einer wird sie einfach nicht mehr los. Warum ist das so?

Akut oder chronisch?

Akute und chronische Rückenschmerzen unterscheiden sich auf verschiedenen Ebenen. Sowohl die Bedeutung der Schmerzen, als auch die betroffene Stelle(n) des Körpers, die Ursache(n), der Verlauf, die Folgen und die Dauer unterscheiden sich voneinander.

Rückenschmerzen, die über einen Zeitraum von sechs Wochen anhalten oder immer wiederkehren, bezeichnet man häufig als chronische Rückenschmerzen. Doch alleine an der Dauer der Rückenschmerzen kann man nicht festmachen, ob sie chronisch oder akut sind. Bei der Feststellung einer Chronifizierung von Rückenschmerzen spielen weit mehr Faktoren eine Rolle, als man auf den ersten Blick denken mag:

  • Auch die Bedeutung von akuten Schmerzen (Warnfunktion des Körpers) ist bei chronischen Schmerzen nicht mehr vorhanden.
  • Die Lokalisation bei chronischen Schmerzen ist häufig diffus und nicht so genau zu bestimmen. Die Schmerzen treten nicht an nur einer Stelle des Körpers auf, sondern betreffen mehrere nicht eindeutig zu beschreibende Körperregionen.
  • Die Ursache ist bei akuten Schmerzen ein einmaliges Ereignis, während chronische Rückenschmerzen häufig keine eindeutig erkennbare Ursache haben.
  • Der Verlauf von chronischen Rückenschmerzen ist im Gegensatz zu den akuten Schmerzen, welche sich mit der Zeit bessern, eher gleichbleibend oder aber die Schmerzsituation verschlechtert sich sogar zunehmend.
  • Auch die Akzeptanz von chronischen Rückenschmerzen ist im Umfeld der betroffenen Personen eher schlecht.
  • Die Folgen von chronischen Rückenschmerzen auf psycho-sozialer Ebene sind im Vergleich zu denen akuter Schmerzen dauerhafter und drastischer. Während akute Schmerzen lediglich eine vorübergehende Einschränkung des Lebens bewirken können, besteht bei chronischen Rückenschmerzen die Gefahr von Depressionen, soziale Isolation und erheblichen Einschränkungen der Lebensführung.

Merkmale einer Chronifizierung

Chronische Rückenschmerzen haben ihre Warnfunktion für den Körper verloren und sich stattdessen selbst zu einem Krankheitsbild geworden.

Schmerzen, die

  • immer häufiger und immer länger (bis hin zum Dauerschmerz) auftreten,
  • sich nicht mehr verändern sondern weitgehend gleich stark bleiben,
  • immer mehr Körperregionen betreffen,
  • häufige Arztwechsel (aber ohne nennenswerte Erfolge) notwendig machen,
  • psychische Beeinträchtigungen bei der betroffenen Person verursachen,
  • immer öfter durch invasive Eingriffe (OP oder Spritzen) behandelt werden,
  • immer höhere Dosierungen der Medikamente erfordern,

    können als chronisch bezeichnet werden.

Eine Vielzahl an Einflussfaktoren

Neben körperlichen (biologischen) Faktoren spielen auch die Psyche und soziale Einflüsse eine große Rolle. Belastung am Arbeitsplatz oder im Privatleben , mangelnde Bewegung und zu langes Sitzen, körperliche sowie psychische Vorerkrankungen und so weiter können ebenfalls Auslöser oder Verstärker für Rückenschmerzen sein und zu einer Chronifizierung beitragen. Heutzutage werden Schmerzen eher multifaktoriell betrachtet, also der Einfluss verschiedener Faktoren, welche wechselseitig aufeinander wirken, wird berücksichtigt. Diese Betrachtungsweise nennt sich bio-psycho-soziales Schmerzmodell.

Rückenschmerzen gehen meist mit einer deutlichen Mobilitätseinschränkung einher und wirken sich auf den gesamten Alltag aus. Wenn jeder Schritt, jedes Bücken, Setzen oder sogar Liegen schmerzt, kann einem schnell die Lebensfreude vergehen. Insbesondere Rückenschmerzen, die über einen längeren Zeitraum nicht mehr verschwinden oder immer wieder auftreten, werden als schlimme Belastung erlebt und können das gesamte Leben negativ beeinflussen. Der falsche Umgang mit den chronischen Rückenschmerzen (Schonung oder Überbelastung), treibt oftmals die Spirale nur weiter hinab. Oftmals wissen Ärzte mit chronischen Schmerzen nicht adäquat umzugehen und versuchen, die Behandlungsmethoden von akuten Schmerzen auf die betroffenen Personen zu übertragen. Dieses Verfahren birgt unterschiedliche Gefahren, wie unter anderem die Festigung des Krankheitsbildes bei der betroffenen Person und viele unnötige Diagnoseverfahren, die teilweise auch invasiv sind.


Es entsteht ein verheerender Kreislauf: Die nicht enden wollenden Schmerzen führen zu Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Bewegungsmangel, welche die Schmerzen wiederum beeinflussen und verstärken. Hat sich dieses Schmerzgeschehen irgendwann etabliert, spricht man von chronischen Rückenschmerzen.

Hilferuf der Psyche

Chronische Rückenschmerzen können außerdem als Hilferuf der Seele verstanden werden (wenn du mehr darüber erfahren möchtest, schau dir diesen Beitrag von mir an). Wer immer alles „auf seinem Rücken austragen lässt“, leidet womöglich still und die Rückenschmerzen sind lediglich ein Symptom. Gefühle und Gedanken sind nicht losgelöst von körperlichen Prozessen, sondern beeinflussen sie maßgeblich. Und auch andersherum funktioniert das Ganze: Durch Körperhaltung und Bewegung, wird auch unser Gefühlsleben beeinflusst. Das kannst du mit dem folgenden kleine Test ganz leicht an dir selbst ausprobieren.

Stell dich aufrecht hin, nimm deine Schulter zurück und hebe deinen Kopf. Schau nach vorne und atme tief ein und aus. Nun lässt du die Schultern wieder hängen und schaust zu Boden. Hast du bemerkt, wie unterschiedlich sich die verschiedenen Körperhaltungen anfühlen?

Ähnlich verhält es sich bei chronischen Rückenschmerzen. Wenn du eine Schonhaltung einnimmst und dich weniger bewegst, wirkt sich das negativ auf dein emotionales Wohlbefinden aus.

Wie du siehst, gibt es eine Vielzahl an Ursachen für chronische Rückenschmerzen, die darüber hinaus auch äußerst individuell sind. Das Empfinden von Stress und Druck ist bei jedem Menschen anders, genauso wie die Belastungsgrenze.

Neben der allgemeinen (sinnvollen!) Empfehlung zu mehr körperlicher Bewegung bei Rückenschmerzen, halte ich die Pflege unseres psychischen Wohlbefindens für ebenso wichtig. Es genügt oft nicht, nur einen Teil des Systems – nämlich den Körper – zu betrachten, um Rückenschmerzen loszuwerden, denn auch unsere Psyche braucht manchmal ein Bisschen Zuwendung. Ebenso müssen soziale Faktoren berücksichtigt werden, die ebenfalls einen großen Einfluss auf chronische Rückenschmerzen haben.

Fazit

Chronische Rückenschmerzen unterscheiden sich deutlich von akuten Schmerzen und bedürfen einer anderen Behandlungsmethode. Sie werden von vielen verschiedenen (biologischen, psychischen und sozialen) Faktoren beeinflusst und können nur sinnvoll erfasst werden, wenn das gesamte System der betroffenen Person berücksichtigt wird.

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